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Der „Scheibenonkel“: wie Peter Mielke zum gefragten Disc-Golf-Experten wurde

Zu jeder Scheibe eine Geschichte: Golf-Disc-Pionier Peter Mielke – Foto: Susanne Jasper

In der Disc-Golf-Szene ist Vechelde bei Peine so etwas wie der Nabel der Welt: 20 Plätze im Umkreis, 10.000 Scheiben in einem kleinen Laden und ein Händler mit Visionen: Peter Mielke hat in Deutschland Pionierarbeit geleistet und bedient mit seinem „Disc Golf Scheibenparadies“ auch internationale Kundschaft. 

Immerhin: Frisbee habe ich auch schon mal gespielt. Das war zwar nicht nur gefühlt in einem anderen Jahrtausend und in der Erinnerung an diese Pausenbespaßung auf dem Schulhof sind vor allem jämmerliche Hechtsprünge und aufgeschürfte Knie hängen geblieben. Aber: Ein bisschen Ahnung vom Sport mit Wurfscheiben habe ich schon, denke ich so auf dem Weg zum „Disc Golf Scheibenparadies“ in Vechelde. Nach zwei launig verplauderten Stunden, die verflogen sind wie ein gut geworfener Frisbee, pardon eine Disc!, weiß ich auch dieses: Die Frisbee-Schulhofgeschichte – die lass mal schön in der Mottenkiste der Erinnerungen ruhen.

Vechelde als Nabel der Welt zu bezeichnen, wäre in etwa so meschugge wie zu behaupten, die Welt sei eine Scheibe. In der Disc-Golf-Szene indes ist Vechelde so etwas wie der Nabel der Welt. Und die Welt wird in dem kleinen Laden von Peter Mielke zwar nicht zur Scheibe, aber sie dreht sich doch gewaltig darum. „Mein Laden ist das Epizentrum der Disc-Golferei“, sagt Peter Mielke. Großspurig? Nö, denn Fakt ist nun mal: Innerhalb von einer halben Stunde kann man 20 Disc-Golf-Plätze erreichen. „Das gibt es deutschlandweit nur hier. Mein Laden in Berlin oder München – da wäre ich pleite gewesen, bevor ich ihn eingerichtet hätte.“

Disc-Golf-Kunden aus der ganzen Welt

Das Geschäft mit den Scheiben betreibt der umtriebige 65-Jährige hauptsächlich als Onlinehändler. Aber: „Das Auge fliegt mit!“ Soll heißen: Neben der Optik will der Spieler auch wissen, wie die Scheibe in der Hand liegt, will mit den Fingerkuppen die Oberfläche abtasten. Und so kommen Spieler aus Dortmund oder Wuppertal auf der Suche nach neuen Modellen, sogar der zweifache Weltmeister Avery Jenkins war schon ein paar Mal aus den USA in Vechelde.

10.000 Scheiben, mehr als 600 Modelle. Alle ordentlich aufgereiht in selbst kreierten Ständern. Hübsch bunt sehen die aus, es gibt sogar Scheiben für den Hippie unter den Disc-Golfern: in psychedelischer Batikoptik. Aber im Ernst: Ist Scheibe nicht doch ein bisschen gleich Scheibe? Mielke lacht: 30 Farben, 13 Kunststoffe, 60 Gewichtsklassen machen den großen Unterschied, so dass für nur ein einziges Modell schon ein paar Tausend Scheibenvarianten zusammenkommen.

Der Laden in Vechelde gilt nicht nur den etwa 10.000 aktiven Spielern in Deutschland als Scheibenparadies. Und Peter Mielke als der Scheibenonkel. Ein netter Spitzname, obwohl Mielke so gar nichts Onkelhaftes anhaftet. Ein Macher ist er, „geboren als Visionär“, wenngleich „99 Prozent der mich begleitenden Menschen sagen, ich sei ein Spinner“. Das juckt ihn nicht, denn weil er bei keiner Unternehmung ein „überdimensionales Risiko“ eingegangen ist, ist immer alles gut gegangen.

Vom Sportkiosk zum Trendsetter

Knapp 20 Jahre hat er in Braunschweig ein Planungsbüro für Hotel- und Gastronomiebau gehabt. Dann war Zeit für etwas Neues: 2005 eröffnete er einen Sportladen in Vechelde. „Sport-Mielke war der Sportkiosk von Vechelde“, erinnert er sich an diese Zeit. Ihn hat immer besonders das Neue gekitzelt: Als andere noch dachten, dass man an Nordic-Walking-Stöcken auch prima Bohnen ranken lassen könnte, ließ er sich zum Mastertrainer ausbilden, gründete eine Nordic-Walking-Schule und war „wie eine Rennsemmel“ mit Kursen zwischen Helmstedt und Hildesheim unterwegs.

Für Cross-Skating hat er eine Lizenz, für Waveboards bot er einen Online-Reparatur-Shop an. Sie nannten ihn in der Szene Doc Waveboard. Fußball und Handball interessieren ihn weniger, eher Randsportgeschichten, das Neue, das Unbeackerte, auf dem man noch kreativ rumpflügen kann. Eher ein Einzelkämpfer denn ein Mannschaftssportler. „Mein Leben als Visionär“, feixt Mielke und schiebt noch mal hinterher: „Andere sagen Spinner.“ Vielleicht könnte man auch sagen: ein wenig rastlos.

In Gummistiefeln auf die Piste

Sein Leben war auch immer Sport. Geboren in Bayern, gehörte Skifahren dazu. Mit Rosi Mittermaier ist er zur Schule gegangen. Sie war besser auf der Piste, was wohl auch an den Brettern lag: „Ich kam auf Wehrmachtsbretter und in Gummistiefeln daher!“ 30 Jahre ist er gelaufen. Jeden Tag. Minimum 20 Kilometer. Einmal im Monat einen Vollmarathon. „Das Laufen lässt sich so schön mit meiner Leidenschaft für die Natur, die Viecher, die Geräusche im Wald kombinieren.“ Jeden Tag um 6 Uhr klingelte der Wecker. Seine Frau, mit der er seit 33 Jahren verheiratet ist, sagte immer: „Boah, geht´s noch?“

2013 war damit Schluss. Knochenkrebs. Von jetzt auf gleich keinen Sport mehr. Gar keinen. In der Reha-Klinik haben sie auf seine Behandlungsmappe geschrieben: „Sport ist sein Leben, wir werden es nicht mehr ändern.“ Nicht mehr laufen zu können, schmerzt diesen umtriebigen Mann oft mehr als die körperlichen Schmerzen. Aber aufzugeben ist nicht sein Ding und als klar war, „dass der Bärtige da oben“, und dabei zeigt er gen Himmel, „mich noch nicht haben will, habe ich nach dem Ausverkauf im Laden doch wieder angefangen. Sonst würde ich doch verrückt werden.“

Kreativ sein, etwas aufbauen, das hat in der Zeit nach der Diagnose vielleicht auch geholfen, mental nicht abzubauen. Wo er doch sein tägliches Aufbauprogramm, das Laufen, knicken musste. Doch nun, findet Mielke, ist die Zeit reif für einen Stabwechsel, er sucht eine/-n Nachfolger/-in. Händeringend. Und die Zukunft? Immerhin will Mielke 99 werden! Visionär, der er nun mal bleiben will, hat er sich schon mal bei der VHS Peine als Dozent beworben. Klar: Theorie des Disc Golfs! Nö: „Ich koche für mein Leben gern. Bayerische Küche, das ist mein Plan.“ Ein Rentnerloch, nee, da rein wird er nicht fallen.

Was genau ist Disc Golf?

Disc Golf ist ein Outdoorsport aus den USA, den es in Europa seit den 1970er-Jahren gibt. Inzwischen spielt eine geschätzte halbe Million Menschen auf einem der mehr als 3.500 Disc-Golf-Kurse. Die Welt der Disc-Golf-Szene ist also eher klein. In Deutschland wird mittlerweile die 32. Deutsche Meisterschaft ausgetragen. Die erste fand in Braunschweig statt.

Disc Golf ist ein Familiensport, der Möglichkeiten für fast jedermann bietet. Gespielt wird vom Erstklässler bis hin zum Spieler im biblischen Alter. Disc Golf wird ähnlich gespielt wie Ballgolf, nur anstatt weißer Bälle werden spezielle Wurfscheiben (Discs) verwendet. Als Ziel dient nicht ein kleines Loch im Boden, sondern ein speziell entwickelter Metallkorb, der die Scheiben mit Ketten auffangen kann.

Der erste Wurf an jeder Bahn erfolgt von der jeweiligen Abwurfzone, alle weiteren Würfe von dort, wo die Scheibe nach dem vorherigen Wurf liegen geblieben ist. Die Bahn endet, wenn die Scheibe im Disc-Golf-Korb gelandet ist.

2 Kommentare

  1. Toller lebhafter Artikel nicht nur über Frisbee, sorry disc golf, sondern auch über ein faszinierendes kreatives vielfältiges Lebenswerk.

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