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Einzigartige Bergwildnis – Mit dem Nationalpark-Ranger auf Entdeckungstour im Oberharz

Nationalpark-Ranger Heinz Melzer weist auf die Besonderheiten des Hochmoors hin – Foto: Martina Zingler

Die Fichten haben keinen guten Stand. Nicht nur der Borkenkäfer macht ihnen zu schaffen, sie mögen auch keine „nassen Füße“. Und die bekommen sie zwangläufig im Großen Torfhausmoor, das auch durch Renaturierungsprojekte so langsam wieder zu seiner alten Form zurückfindet. Ohnehin hätten viele aus dem Flachland stammenden und zur Holzproduktion flächendeckend angepflanzten Fichten in den Hochlagen des Harzes eigentlich nichts zu suchen, erklärt mir Nationalpark-Ranger Heinz Melzer. Also lässt man der Natur ihren Lauf. Die großen Nadelbäume kippen irgendwann, liegen wie Mikadostäbe kreuz und quer im Gelände und vermodern mit der Zeit. Sie sind dann der natürliche Dünger des Waldes. Und schaffen Platz für einen neuen Mischwald.

Melzer zeigt mir einen Teil des Nationalparks Harz, der durch den Extremlebensraum Hochmoor mit hoch spezialisierten Pflanzenarten und einer vielseitigen Tierwelt geprägt ist. Noch bestimmen Fichtenwälder das Bild, hin und wieder ragt eine schroffe Granitformation aus dem grünen Dickicht – ein beliebter Aussichtsplatz für Luchse auf der Pirsch, und nicht selten finden in den Hohlräumen Fuchsfamilien Unterschlupf. Wer mit einem Nationalpark-Ranger im Harz unterwegs ist, erfährt so einiges Überraschendes aus der Welt der Flora und Fauna.

Tourismus und Naturschutz optimal kombinieren

Acht Ranger betreuen derzeit von der Station Torfhaus aus eine Fläche von rund 6.000 Hektar. Kontroll- und Überwachungsdienst, so ist ihr Aufgabenfeld definiert. Doch wie vielfältig die Arbeit ist, lässt der schlichte Begriff kaum erahnen. Neben den geführten Wanderungen zu ständig wechselnden Themenfeldern achten die Ranger auf die Einhaltung der Nationalparkgebote – darunter das Wegegebot, das Rauchverbot oder die Leinenpflicht für Hunde –, pflegen und erhalten die zahlreichen Besucher- und Erholungseinrichtungen im Park oder leisten in Notfällen auch schon mal Erste Hilfe und sind kundige Ansprechpartner für die Einsatzkräfte vor Ort. Entscheidend für das funktionierende Zusammenspiel von Tourismus und Naturschutz ist die Präsenz der Ranger an den touristischen Schwerpunkten – und zwar tageszeit- und saisonabhängig wechselnd.

So sind die Ranger für die Gäste des Nationalparks auch ständig in der Fläche unterwegs, zu Fuß, per Mountainbike oder im Winter auf Skiern, zeigen ihnen mal den Weg, mal ist auch eine Belehrung über die Parkregeln nötig. Aber immer „auf Augenhöhe mit den Besuchern“, so Melzer. Ein wenig Fingerspitzengefühl und Menschenkenntnis seien dafür schon erforderlich, erzählt er mir auf unserer Tour rund um das Torfhausmoor. Die Arbeit mit Menschen macht ihm sichtlich Spaß, er steht aber auch gern für Informationsmessen oder für die jährlich stattfindende Bundesnaturwacht-Tagung, einem nationalen Rangeraustausch in wechselnden Großschutzgebieten, zur Verfügung.

Auch die Jugendarbeit spiele bei den Nationalpark-Rangern eine große Rolle, berichtet Melzer. In Schul-AGs und Jugendgruppen lernen die Jüngsten auf spielerische Weise die Natur und ihre Zusammenhänge kennen und begreifen. Besonders beliebt: die Ausbildung zum Junior-Ranger. Da kann es schon mal vorkommen, dass die Nachwuchsranger an Projekten mitarbeiten, die bundesweit und manchmal auch international wahrgenommen werden, wie etwa jüngst bei einer Arbeit zum Thema Wasser im Harz.

 

Die Skiloipen habe große Einschnitte in der Vegetation hinterlassen – Foto: Martina Zingler

Einzigartiger Lebensraum Hochmoor

Unser Weg führt uns über die extra zur Moorerkundung angelegten Bohlenstege. Von hier aus entdecken wir trockenen Fußes kleine Raritäten am Wegesrand. Melzer deutet über die weite Fläche – bald sprießt hier das Wollgras, das für seine flauschigen weißen Fruchtstände bekannt ist und große Flächen in weiße Teppiche verwandelt. Auf den sauren Böden der Moore gedeihen nur wenige Pflanzen, diese sind dafür wahre Überlebenskünstler. Wie der fleischfressende Sonnentau, der gar nicht auf Nährstoffe aus dem Boden angewiesen ist, sondern auf seinen klebrigen Blättern kleine Insekten fängt.

Von mir kaum bemerkt, macht mich der Ranger auf die zahllosen feuchten Flächen aufmerksam, auf denen dick und triefend Torfmoose wuchern. Sind sind wurzellos, wachsen an der Oberfläche ständig weiter und sterben nach unten hin ab. So entstehen neue Torfflächen, wenn auch sehr, sehr langsam. Schon vor Jahren hat der Nationalpark angefangen, diesem Prozess auf die Sprünge zu helfen: Man verschloss künstliche Entwässerungsgräben, die einst für den Bergbau gezogen worden und für die Trockenlegung der Hochmoore verantwortlich waren. Seitdem kann sich das Wasser wieder aufstauen und Fläche für neue Moore bieten.

Der Tannenbärlapp wächst an lichten, mageren Orten, wie hier auf einer Wollsack-Granitformation – Foto: Martina Zingler

Auch viele seltene Orchideenarten finden sich in den Feuchtgebieten der Hochmoore. Die Zwergbirke, ein Relikt aus der Eiszeit, sehen wir auf unserer Wanderung leider nicht. Zu klein ist sie, ihr Wuchs quasi am Boden liegend bis zu einem halben Meter, in geschützten Lagen oder in Gruppen höchstens ein Meter. Dafür haben wir Glück und entdecken einen imposanten Tannenbärlapp auf einem lichten Flecken hoch oben auf einer Wollsack-Granitformation. Die Pflanzen etablieren sich nur in Gebieten, die keinerlei Waldwirtschaft betreiben.

 Registrieren und dokumentieren für die Wissenschaft

Die Nationalpark-Ranger unterstützen zahlreiche wissenschaftliche und Naturschutzprojekte. So konnte eine ausschließlich im Harz in Höhenlagen über 800 Metern lebende Spinnenart nachgewiesen werden. Die Artenerfassung nimmt überhaupt einen großen Stellenwert ein. Die Ranger sind aktiv in die Luchstelemetrierung und die Kartierung von Fledermauspopulationen eingebunden. Dazu kommen zahlreiche ornithologische (Vogelkunde) Projekte. „Durch den hohen Totholzanteil konnten sich neue Arten Lebensräume erschließen“, berichtet Melzer. Etwa Bunt- und Schwarzspecht, deren Bruthöhlen später auch von Mardern und Sperlingskäuzen genutzt werden. Die Wiederansiedlung des Sperlingskauzes vor 20 Jahren ist für Melzer das Highlight seiner Naturschutzarbeit.

Unter den durch den Borkenkäfer vernichteten Fichten wächst bereits eine neue Generation heran – Foto: Martina Zingler

Und wie verhält es sich mit dem viel gefürchteten Borkenkäfer, hake ich nach. „Der Borkenkäfer ist ungewollt unser größter Helfer“, so Melzer. „Eigentlich sollte der Waldumbau von allein passieren. Der Borkenkäfer leistet da einen wichtigen Beitrag.“ Fichtenmonokulturen sterben ab, darunter entstehen neue Strukturen. Die Eberesche kommt zuerst, aber auch Birken, Weiden und der Bergahorn breiten sich bereits aus. „Es ist gigantisch, was da gerade an Eigendynamik im Wald passiert.“

Ein Stück Wildnis kehrt zurück

Möglichst wenig menschlicher Einfluss soll dem einzigartigen Mittelgebirge die Möglichkeit geben, seine Vielfalt an Lebensräumen und Arten zu erhalten oder zurückzuerobern. Länderübergreifend entsteht hier in Teilen Niedersachsens und Sachsen-Anhalts gleichermaßen wieder ein Urwald aus zweiter Hand. Ansätze davon konnte ich heute selbst erkennen.

Wir verabschieden uns auf dem Parkplatz am Torfhaus. Am Nachmittag wartet auf Ranger Melzer noch eine andere Tour. Er will mit einem Kollegen einen Teil des Harzer Hexenstiegs ablaufen, damit dieser erneut als Qualitätswanderweg zertifiziert werden kann. Die Aktion wird zusammen mit dem Harzer Tourismusverband und dem Deutschen Wanderverband im Rahmen des Projektes „Wanderbares Deutschland“ durchgeführt. Es gilt, Kernkriterien wie eine ausreichende Beschilderung der Wege, Attraktivität und lokale Besonderheiten sicherzustellen und festzuhalten. Ein Projekt, das bundesweit von Bedeutung ist. Und mit Sicherheit einen Teil zur Faszination der Bergwildnis im Oberharz beiträgt.

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