Leben & Wohnen, Wolfenbüttel

Fachwerk in Wolfenbüttel: Zeitreise durch die Baukunst der Region

Da Wolfenbüttel von den Kriegen größtenteils unversehrt blieb, sind solche Anblicke wie im kleinen Zimmerhof möglich – Foto: Lena Ziehres

Beim Gang durch die Wolfenbütteler Innenstadt fällt schnell auf: Hier gibt es unglaublich viele Fachwerkhäuser und jedes von ihnen hat ein individuelles Aussehen. Alleine auf dem Stadtmarkt ist eine Zeitreise durch die Epochen der Fachwerk-Baukunst unserer Region möglich. 

Mitten in der Altstadt Wolfenbüttels treffe ich einen Fachmann in Sachen Fachwerk – den Denkmalschützer der Stadt, Hans Mai. „Von der Spätgotik bis hin zur Neuzeit ist in Wolfenbüttel an Fachwerkhäusern alles erlebbar“, erklärt er. Dadurch kommt es zu einer Geschlossenheit der Straßenzüge, die die Altstadt mit ihren 600 Fachwerkhäusern zu einem bemerkenswerten Ort macht.

Bei einem Rundgang kann ich mich selbst davon überzeugen. Auf dem Stadtmarkt stehen Häuser der Renaissance und dem Barock Wand an Wand mit Objekten des Historismus des 19. Jahrhunderts und der Moderne. Am Schloss befindet sich sogar ein Exemplar aus der Spätgotik. Es ist das älteste Fachwerkhaus der Stadt, und bei Untersuchungen fand man heraus, dass es bereits im Jahre 1535 erbaut wurde.

Typisch für die Fachwerkhäuser der Renaissance sind die sogenannten Dreieckshölzer unterhalb der Fenster und Auskragungen, bei denen das obere Geschoss ein Stück über das untere hinausragt. An den Häusern von wohlhabenderen Familien, wie beispielsweise von Hofbeamten, befinden sich oft Schnitzwerke und Perlschmuck sowie andere Verzierungen auf den Hölzern und den Knaggen, welche die Auskragungen halten sollten. Heute sieht man unter vielen dieser Auskragungen hölzerne Stützen, da die Knaggen ihre Last über die Jahre hinweg nicht mehr tragen konnten. Mai erzählt mir, dass die Auskragungen seit der Renovierung der Häuser zwar wieder stabil sind, aber die Stützen mittlerweile eigentlich zum Stadtbild gehören und deswegen nicht entfernt wurden.

Architektonischer Wandel im Barock

Ab den 1690er-Jahren begann auch in Wolfenbüttel die Barockisierung und so gingen die Auskragungen immer mehr zurück, bis sie schließlich bei neuen Fachwerkbauten komplett verschwanden und durch ein einfaches Simsholz ersetzt wurden. Auch die Dreieckshölzer verschwanden und wurden durch gekreuzte Hölzer unter den Fenstern ersetzt, welche fortan auch mit größeren Abständen eingesetzt wurden. Zudem war das Material kein Gestaltungselement mehr und man versuchte, die Häuser flächig zu streichen, um sie wie aus Stein aussehen zu lassen. Tatsächlich aus Stein zu bauen, war zu teuer und außerdem wegen des sumpfigen Untergrunds schwierig. Fachwerkhäuser aus Holz mussten nicht so tief in den Untergrund gebaut werden, da sie leichter waren und nicht so schnell im weichen Boden versanken.

Die Illusion von Stein

Doch wer jetzt denkt, dass dies ein Problem des gemeinen Volkes war, der irrt. Auch die Herzöge der Stadt konnten es sich nicht leisten, das Schloss und andere herzogliche Bauten aus Stein errichten zu lassen. Allerdings sollte dies nicht für jeden sofort sichtbar sein, schließlich wollte man gerne mit der Mode gehen. So kam es, dass im Barock rings um das Fachwerkschloss eine neue Fassade erbaut wurde, die zwar größtenteils auch aus Holz war, aber durch den Anstrich in Steinfarben nicht so wirken sollte. Zur Wahrung dieser Illusion wurden einzelne Teile der neuen Fassade, wie beispielsweise der Eingangsbogen, tatsächlich aus Stein erbaut und von Statuen im Eingangsbereich unterstützt.

Noch heute zeigt diese etwas trügerische Bauweise Wirkung, solange der Betrachter nicht zu genau hinsieht. Beim kleinen Schloss und am Prinzenpalais ging man mit dem illusionistischen Anstrich der Fachwerkbauten noch einen Schritt weiter – es wurden Fugen auf die Fassade aufgemalt, um es wie Mauerwerk erscheinen zu lassen. Keine Mühen wurden gescheut, dies so naturgetreu wie möglich aussehen zu lassen; unter jeden „Stein“ kam ein heller und ein dunklerer Strich, um die Fuge dreidimensional wirken zu lassen. Am Prinzenpalais fand man sogar Schlieren in unterschiedlichen Grautönen, welche den Anstrich nach Marmor aussehen lassen sollten. Die Herzogsfamilie hat also guten Gebrauch der illusionistischen Malerei dieser Zeit gemacht.

Während man sich im Barock und in der Renaissance eher auf Abwandlungen der Farben grau, grün, rot und gelb beschränkte, begann man Anfang des 19. Jahrhunderts, die Fachwerkhäuser in allen möglichen bunten Farben und mit Malereien zu verzieren, während die Balken wieder eine traditionelle dunkle Farbe bekamen. Fachleute nennen diese Epoche Historismus.

Zurück zum ursprünglichen Aussehen

Durch das vermehrte Überstreichen der Fachwerkhäuser über die Epochen hinweg ist bei vielen Häusern das ursprüngliche Aussehen mit der Zeit verloren gegangen. Hans Mai erzählt mir, dass man bei Renovierungsarbeiten jedoch unter den oberen Farbschichten oft noch die ursprünglichen Farben finden konnte. War dies der Fall, wurden diese Häuser getreu des ursprünglichen Aussehens renoviert und bekamen somit wieder die Schönheit aus ihrer Entstehungszeit zurück.

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