Forschen & Entwickeln, Peine, Startseite

Kohle mit Kaffeegeruch – wie Forscher Müll in Biokohle verwandeln

Leitet die Biokohleforschung in Ilsede, Landkreis Peine: Jens Schröder – Foto: Kathrin Bolte

Auf dem Ilseder Hüttengelände stehen mehrere blaue Überseecontainer. Für mich passen sie rein optisch so gar nicht ins Bild und dennoch sind sie auf einem Industriegelände wohl nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist allerdings das, was in den Containern passiert: Aus Abfällen wird Biokohle produziert. Biokohle kann beispielsweise in der Landwirtschaft als Bodenverbesserer eingesetzt werden, um die Erträge zu steigern. Auch als Futtermittelzusatz und als Nahrungsergänzungsmittel könnte sie Verwendung finden. Des Weiteren ist es denkbar, die Biokohle zum Heizen in Form von Pellets für Pelletheizungen zu verwenden.

Vor Ort: Forscher aus Wolfenbüttel

Jens Schröder, Diplom-Ingenieur und Mitarbeiter der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften in Wolfenbüttel, betreut hier seit September 2014 zusammen mit Professor Thorsten Ahrens einen Forschungsreaktor. Immer wieder sind wechselnde Studentengruppen aus Wolfenbüttel vor Ort und arbeiten an der Energieversorgung für die Zukunft.

Nigelnagelneu: Anlage für die Biokohleproduktion – Foto: Kathrin Bolte
Nigelnagelneu: Anlage für die Biokohleproduktion – Foto: Kathrin Bolte

Angefangen hat alles mit dem Thema Biogas, das hier noch immer eine wichtige Rolle spielt. Ich merke es in erster Linie an der derben „Landluft“, die mir aus den Containern entgegenschlägt.

Jens Schröder führt mich herum. Er erklärt zunächst die Pilotanlagen, die von Studenten einst für die Biogasproduktion gebaut und getestet wurden. „Unsere Tests erstrecken sich auf die Machbarkeit und auf die Rentabilität. Unsere Auftraggeber kommen zum Beispiel aus der Industrie. Sie wollen wissen, welche Anlagen wie viel produzieren können“, berichtet er. Danach entscheiden sie, welche Anlagen in wesentlich größerem Maßstab gebaut und zum Einsatz kommen können.

Biogasproduktion für Dummies

Schröders Ausführungen sind so etwas wie „Biogasproduktion für Dummies“, denn ich hatte bisher keine Vorstellung, wie das alles genau funktioniert. Der Forscher wirft mir viele Fachbegriffe an den Kopf, schaut aber immer wieder verständnisvoll, wenn mein Gesichtsausdruck Fragezeichen signalisiert. Er spricht von Fermentierung und Gären, von chemischen Vorgängen, wenn die Stoffe erhitzt werden und von deren Trennung in Gas und Wasser. „Die Prozesse sind nicht so einfach zu verstehen, aber im Biogas und auch in der Biokohle liegt die Zukunft“, ist er überzeugt.

Biokohle riecht nach Kaffee

In einer Anlage konzentrieren sich die Forscher mittlerweile auf die Produktion von Biokohle. Schröder erklärt, sie entstehe in einem exothermen Prozess, bei Temperaturen zwischen 180 und 250 Grad Celsius und Drücken von 16 bis 42 bar. Die Ausgangsstoffe sind pflanzlich und werden zum Beispiel mit Knochen, Fäkalien oder Asche vermengt. Die flüssige Mischung wird über Pumpen und verschiedenste Behälter in einem Kreislauf gehalten und dabei auf Temperatur gebracht. Chemische Reaktionen laufen ab, Stoffe trennen sich, es entstehen Gas und Wasser. „Das Wasser enthält einen sehr hohen Kohlenstoffanteil und wenn es entfernt wird, bleibt Kohle über. Biokohle. Und die riecht wie Kaffee“, erklärt Schröder mit einem Schmunzeln und hält mir einige Krümel unter die Nase. Er hat Recht.

Kohle mit Kaffeegeruch, aus Abfällen hergestellt Foto: Kathrin Bolte
Kohle mit Kaffeegeruch, aus Abfällen hergestellt  – Foto: Kathrin Bolte

Weg zur Wirtschaftlichkeit

Die Anlage arbeitet zurzeit allerdings noch nicht rentabel. „Das Ganze ist absolute Zukunftsmusik“, räumt Schröder ein. Zwar würden die Ostfalia-Studenten die Technik voranbringen und hier gerne noch viel mehr tüfteln. Doch dafür müssten Fördergelder bereitgestellt werden, was nicht immer der Fall sei. Schade, denn  auch Unternehmen aus Forschung und Industrie wenden sich manchmal an die Fakultät. „Da kommt zum Beispiel ein Landwirt und sagt, wir haben diesen oder jenen Müll. Was kann man draus machen?“, berichtet Schröder.

Einem zunächst völlig unbedarften Besucher wie mir bleibt jedenfalls mehr als einmal der Mund vor Staunen offen. Man merkt deutlich: Hier arbeiten „alte Hasen“ zusammen mit „jungen Hüpfern“ für eine gute Sache. Ein echtes Herzblutprojekt, das mit Kuhmist begann und mit Kaffeeduft endete.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.