Peine, Szene & Kultur

Motorengeheul, Ackerstaub und Kinderlachen – Stoppelfeldrennen im Landkreis Peine

Beim Stoppelfeldrennen bei Rüper, im Landkreis Peine geht es immer wild zur Sache - Foto: Inga Stang

Es ist sonntagmorgens (3. September 2017) 9:00 Uhr – eine Zeit, zu der mich normalerweise an solch einem Tag nichts aus dem Bett holen kann. Aber ich habe einen Auftrag: Ich will zum Stoppelfeldrennen bei Rüper, im Landkreis Peine, um einem Bekannten beim Viertelmeilenrennen zuzujubeln. Auf dem gesamten Gelände, das normalerweise als Ackerfläche bewirtschaftet wird, stehen umgebaute Fahrzeuge, improvisierte Werkstätten und Zeltlager, in denen sich die Teilnehmer und Teams auf die rund sieben Rennen vorbereiten.

Strenge Regeln für maximale Sicherheit

Ich treffe auf Dirk Knöche, 63 Jahre alt und Mitbegründer des Motor-Sport-Club Wendeburg (MSC Wendeburg), der das Stoppelfeldrennen bereits seit 38 Jahren organisiert. „Das Rennen hat damals ganz inoffiziell begonnen. Wir haben uns mit zwei VW Käfer und ein paar Freunden auf dem Acker getroffen und sind immer im Kreis gefahren. Mit den Jahren ist das immer mehr gewachsen. Als wir dann schließlich 1988 den Verein gegründet haben, waren es bereits um die 30 Starter, die sich jährlich zum Stoppelfeldrennen getroffen haben.“

Heute sind es um die 300 Teilnehmer, die darauf hoffen, einen der begehrten Pokale in ihrer Wagenklasse zu ergattern. Doch nicht jeder Wagen darf am Ende auch mitfahren. „Die Autos müssen Überrollbügel haben, es dürfen keine scharfen Kanten außen dran sein, kein Glas, die Stoßfänger müssen entsprechend sein, es müssen Notausschalter an den Wagen dran sein, Ösen zum Abschleppen und viele weitere Normen, die erfüllt werden müssen“, erzählt Dirk. „Wir haben Kfz-Meister im Einsatz, die bereits Freitag anhand einer Prüfliste, die von Jahr zu Jahr wächst, bestimmen, welche Autos mitfahren dürfen und welche nicht“, ergänzt Stefan Wilke, 40 Jahre alt und Kassenwart beim MSC. Dieses Jahr sind bei der Prüfung 30 Wagen ausgeschieden. Die restlichen 270 sind seit Samstag in ihren jeweiligen Klassen am Start, die nach Pferdestärken und Bauart gestaffelt sind.

Stefan Wilke ist seit 10 Jahren im Orgateam des Stoppelfeldrennens, ist aber selbst noch nie gefahren – Foto: Inga Stang

Ein Rennen für die ganze Familie

„Früher war das Rennen schon eher eine Männerdomäne“, erzählt Stefan. „Heute ist das aber ganz gemischt. Es sind auch viele Ehepaare dabei oder ganze Familien.“ Bereits mit 16 Jahren kann der Nachwuchs beim Stoppelfeldrennen mitmachen. „Wir haben dafür extra eine MSC-Fahrschule. Da müssen die Eltern natürlich zustimmen. Wenn sie das tun, können die Jugendlichen mit den Klasse-Eins-Fahrzeugen antreten, die nicht ganz so hoch gehen.“

Die Teilnehmer und Besucher kommen überwiegend aus der Region. Viele Familien sind vor Ort, überall spielen Kinder und schauen mit großen Augen auf die Piste, wo die Fahrer gegenseitig ihre Fahr- und Schrauberkünste messen. „Die meisten kommen sonntags. Das ist einfach ein Riesenspektakel für die ganze Familie – von jung bis alt. Die haben hier richtig Spaß dabei“, meint Stefan. 3.000 Besucher sind es allein in diesem Jahr.

Jan und seine Tochter Finja wollen später auch beim Rennen mitmachen – Foto: Inga Stang

Überschläge an der Tagesordnung

Das Stoppelfeldrennen ist gemeinnützig organisiert. Keiner der 80 bis 90 Helfer verdient Geld an dem Spektakel. Trotzdem sind alle mit Herzblut dabei. „Es ist nicht nur der Verein“, ergänzt Dirk, „die junge Gesellschaft, die Vereine aus den Dörfern, die Gemeinde, der Landkreis – ohne die würden wir das alles hier gar nicht schaffen.“ Darüber hinaus ist der Verein auch auf die Unterstützung von Unternehmen angewiesen, die das Team finanziell, durch Sachspenden oder Einsatz vor Ort unterstützen. Ganz besonders wichtig für das Rennen ist der Einsatz der Feuerwehr. Rund um die Uhr stehen Einsatzfahrzeuge an der Strecke, um im Ernstfall eingreifen zu können. Etwas wirklich Schlimmes ist bisher aber noch nicht passiert.

„Es hat sich mal wer den Arm verstaucht oder angeknackst, aber das meiste sind Verspannungen, Kopf- oder Schulterschmerzen, die von den häufigen Überschlägen der Fahrer kommen“, meint Stefan. „Gerade bei den Zeitrennen geben die Jungs natürlich Gas und wollen ganz vorne sein. Manchmal passt aber eben nur ein Auto durch und nicht gleich drei und dann landet gerne mal einer auf dem Dach“, ergänzt Dirk lachend. Rund ein Drittel der Wagen wird das diesjährige Stoppelfeldrennen nicht überleben.

Jedes Jahr ein Highlight

„Ein paar Tage vor dem Rennen merkt man wirklich, wie der ganze Ort unruhig wird“, erzählt Stefan. „Da haste mal ’n Motorengeräusch gehabt, dann haben sie da wieder rumgeschraubt. An jeder Ampel hast du ein Stoppelfeldauto gesehen.“ Viele Weggezogene kommen extra für das Rennen wieder zurück in ihre Heimat, um mit ihren Teams zu fahren oder ihren alten Freunden zuzujubeln. Für das Orgateam ist das Rennen daher eine Herzensangelegenheit, die sich weit über die reine Begeisterung für Fahrzeuge erstreckt. „Für uns ist das Stoppelfeldrennen jedes Jahr ein Highlight“, erzählt Dirk. „Wenn alles abgebaut ist, wir als Team noch schön alle zusammen essen gehen – wenn alles geklappt hat, nichts passiert ist, das ist dann das Schönste.“

Mein persönliches Highlight ist der Erfolg meines Bekannten beim Rennen. Gleich zweimal konnte er sich einen Platz auf dem Treppchen sichern. Wer weiß, was da nächstes Jahr noch drin ist, wenn der Wagen wieder weiter zu Höchstleistungen umgebaut wird.

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