Salzgitter, Szene & Kultur

„Mystisch und romantisch“ – Kultur entdecken im Mausoleum in Salzgitter-Ringelheim

Lädt ein zum Verweilen: das Ringelheimer Mausoleum – Foto: Renate Schaper

Schon der Weg zum Mausoleum in Salzgitter-Ringelheim ist ein Erlebnis: Umrahmt von üppiger Vegetation – das Naturschutzgebiet Innerste ist nur wenige Schritte entfernt – führt ein Pfad an der Rückseite des Ringelheimer Schlosses und hinter der ehemaligen Klosterkirche Sankt Abdon und Sennen durch ein schmiedeeisernes Tor einen kleinen Anstieg hinauf – und plötzlich steht der Kulturinteressierte in einem verborgenen Garten von geradezu arkadischem, wenn auch leicht morbidem Charme. In der Senke das alte Mausoleum, einst Grabstätte der Familie von der Decken, liebevoll restauriert vom Ringelheimer Bürgerverein. Heute dient es als Kulturort. Und dieser präsentiert sich äußerst vielfältig – je nach Jahreszeit und Künstler, der das alte Gemäuer bespielt.

Aha-Effekt garantiert

„Für mich hat das Mausoleum etwas Mystisches und zugleich Romantisches“, meint Bettina Schooß, Vorsitzende des Bürgervereins und verantwortlich für die Kunstausstellungen im Mausoleum. Besonders im Sommer entfaltet der Ort seinen ganz eigenen Zauber. Dann kann es still werden, die Vögel in den umliegenden Gärten zwitschern, irgendwo plätschert Wasser. Und leise fließen auch die Gespräche dahin, wenn die Ausstellenden mit den Besuchern fachsimpeln oder einfach nur über Land und Leute plaudern. Denn das ist eine Besonderheit dieses Kulturraumes: der direkte und spontane Kontakt zu den Künstlern und Kulturschaffenden, die familiäre Atmosphäre, das Verweilen und Genießen. „Unsere Vernissagen sind manchmal wie ein Familienfest – Freunde und Verwandte des Künstlers sind anwesend, aber auch die Ringelheimer Nachbarschaft und der Fankreis des Mausoleums“, so Bettina Schooß.

Und manchmal zeigt sich das Mausoleum wieder von einer komplett anderen Seite, zum Beispiel bei den Ausstellungen des örtlichen Kindergartens und der Grundschule. Dann hängt buntes Selbstgebasteltes in den Bäumen, es geht fröhlich und quirlig zu. Die Ernsthaftigkeit des Gebäudes wird von den kleinen Künstlern leichten Gemütes kontrastiert. „Der Raum ist immer der gleiche, und doch wirkt er bei jeder Veranstaltung komplett verändert“, meint Bettina Schooß.

Ein besonderer Raum

Dirk Schaper vom Bürgerverein erinnert sich gern an die riesigen Stahlgebilde des Wallmodeners Ekkehard Homann oder das Ballett aus den „Wächter“-Skulpturen des ortsansässigen Bildhauers Åse. Arbeiten, die das Gewölbe des alten Gebäudes voll ausfüllten und dessen Dreidimensionalität zugleich betonten und ihn optisch zurücktreten ließen. „Acht oder zehn ‚Wächter‘ hintereinander aufgestellt, an der Stirnwand nur ein einziges Gemälde – das hat einen sehr intensiven Eindruck bei mir hinterlassen“, sagt Schaper.

Über 60 Künstler haben in fünfzehn Jahren im Mausoleum ausgestellt. Vier bis fünf Kunstausstellungen sind es jedes Jahr. Hinzu kommen Lesungen oder musikalische Darbietungen. 60 Sitzplätze bietet das Mausoleum. In der kälteren Jahreszeit rumpelt ein alter Bullerjan-Ofen in der Ecke und sorgt für eine willkommene Gemütlichkeit.

Die Mitglieder des Bürgervereins Ringelheim pflegen und beleben den Veranstaltungsort ehrenamtlich. „Der Erfolg erklärt sich zum großen Teil aus der Begeisterung, mit der die Vereinsmitglieder bei der Sache sind“, sagt Bettina Schooß. „Das fängt bei Kleinigkeiten an – wie dem Rasenmähen.“

Rettung in letzter Sekunde

Das Mausoleum steht unter Denkmalschutz. Zur Aufgabe des Vereins gehört es darum auch, das Gebäude zu erhalten. Das zwischen 1840 und 1883 errichtete Bauwerk diente lange Zeit dem Ringelheimer Adelsgeschlecht derer von der Decken als Grabstätte. 1973 allerdings war es bereits so ruinös, dass die Familie die Särge entfernen und die Gebeine ins Hochgrab der evangelischen Kirche umbetten ließ. Jahrelang war das Schicksal des Gebäudes unklar, die hohen Restaurierungskosten verhinderten eine Weiternutzung. Es drohte der komplette Zerfall.

Quasi in letzter Sekunde nutzte Georg Pohl, Gründungsmitglied des Bürgervereins, seinen guten Kontakt zu Johann Georg von der Decken, um das Gemäuer zu retten. „Sein erster Gedanke war der Denkmalschutz“, erzählt Dirk Schaper. Welchem Zweck das Gebäude später dienen sollte, stand damals noch nicht fest. Ende der 1990er-Jahre wurde das Mausoleum an den Bürgerverein übertragen, bis 2002 restaurierten die Mitglieder es in Eigenleistung – und unter strenger Aufsicht des Amtes für Denkmalschutz.

Die Initiative, den Raum für Kunstausstellungen zur Verfügung zu stellen, kam schließlich von den Ringelheimern Åse und Klaus Bliesener, den späteren Kuratoren, die ihre guten Kontakte zur regionalen und überregionalen Kunstszene einbrachten, um über Jahre ein spannendes Portfolio von Künstlern und Kunstrichtungen zu präsentieren.

„Wir brauchen die Mischung“

Seit zwei Jahren hat Bettina Schooß dieses Amt inne. Wie wählt sie aus? „Mit Auge, Herz und Maß“, bescheinigt ihr Dirk Schaper und Schooß gibt zu, dass es nicht allein auf die Vita eines Künstlers ankomme. „Wir wollen ein Konzept im Werk des Künstlers erkennen, das Kunststudium spielt dabei nicht immer eine Rolle.“ Grundsätzlich öffnet sich das Mausoleum allen Kunstschaffenden aus der Region und darüber hinaus. So zählten in den vergangenen Jahren auch viele Berliner Künstler und sogar eine Künstlerin aus Frankreich zu den Ausstellenden. „Oft sind es Künstler, die hier in der Region ihre Wurzeln haben, aber inzwischen woanders leben.“

Bildhauer Vincent Thoss nutzte den Raum – Foto: Renate Schaper

Manche Ausstellungen sind auch mal ein Wagnis, etwa wenn modernere Darstellungsweisen wie Mediendesign oder Installationen präsentiert werden. Und doch ist es immer die wohldurchdachte Mischung, die Erfolg bringt. „Wir möchten die Vielfalt in der Kunst zeigen, aber es wird auch immer Klassisches zu sehen sein“, sagt sie. „Bei der Zusammenstellung des Programms fragen wir uns: Interessiert es die Menschen?“

Ganz unabhängig von den präsentierten Kunstwerken: Allein der Ort – irgendwo zwischen historischem Erbe und beschaulichem Dorfleben – ist eine Reise wert und lädt zu manch einer Entdeckung am Wegesrande ein.

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