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Schwarmintelligenz – Warum nicht nur Autofahrer von der UMA-App profitieren

Die neue App im Regionärstest – Foto: Ingo Bartels

Dr. Gerrit Schrödel hat eine Menge Ideen für Technologien, mit denen wir in Zukunft noch schneller und entspannter von A nach B kommen. Er leitet die Mobilitätsforschung bei der Wolfsburg AG und arbeitet mit seinem Projektteam an der Urban Mobility Assistance (kurz UMA). Zur App-Familie gehören bereits heute die Apps „UMA Navigation“ und „UMA Mitfahren“, die es zum kostenlosen Download im App Store und auf Google Play gibt. Ich besuche ihn im Forum AutoVision der Wolfsburg AG, um mehr darüber zu erfahren.

UMA-App vs. Google Maps

Natürlich bin ich vorbereitet auf den Termin, habe die App heruntergeladen und nutze sie für die Fahrt zum Interview. Die Fahrt dauert allerdings nur zehn Minuten und geht stets geradeaus. „Die volle Funktionsfähigkeit der UMA-Navigation zeigt sich erst, wenn die Nutzer dauerhaft mit ihr fahren“, erklärt Schrödel. Man merkt ihm seine Begeisterung an, wenn er erzählt, was die App leisten kann. Sie ist ohne Anmeldung nutzbar und in der Regel exakter als ein herkömmliches Navigationsgerät oder die Google-Maps-App, die laut Schrödel „auch sehr gut ist“.

Alle Fahrer, die mit UMA unterwegs sind, kommunizieren miteinander. So kann die App voraussagen, ob es zum Beispiel am Autobahnkreuz Wolfsburg/Königslutter einen Stau geben wird. Sie errechnet automatisch Ausweichstrecken und ermöglicht dem Fahrer, die vorausgesagte Uhrzeit einzuhalten. Das ist wichtig, wenn es darum geht, pünktlich zur Arbeitsstelle oder zu einem Termin zu kommen.

Die UMA-Navigation ist in Deutschland, Österreich, der Schweiz und in Tschechien verfügbar. Derzeit gibt es 5.000 Downloads, doch weitere Teilnehmer sind nötig. Denn „UMA Navigation“ wird umso besser, je mehr Nutzer mit der App fahren.

Unterwegs mit Schwarmintelligenz

Aber was macht die UMA-Navigation besonders? „Es ist der intelligente Schwarmalgorithmus“, sagt Schrödel. Der Algorithmus verbessert sich mit der Anzahl an Fahrzeugen, die UMA nutzen, mit gängigen Verkehrsdaten, sogenannten Floating Car Data (FCD), und mit Vergangenheitswerten. Das sind unter anderem Daten über die Verkehrssituation der letzten Woche auf der exakt gleichen Strecke.

Gerade in Großstädten merkt man den UMA-Vorteil. „Ich musste in Berlin einmal zum Termin und mein Navigationssystem prognostizierte 45 Minuten Fahrtzeit. Laut UMA waren es nur zehn Minuten, weil es eine bessere Auswahlmöglichkeit hat und mir andere Routen nennen konnte“, erzählt Schrödel. Um solche Routenvorschläge als Fahrer anzunehmen, bedürfe es allerdings einer soliden Vertrauensbasis der App gegenüber.

Der Klügere fährt mit

Die zweite App, die in Wolfsburg entwickelt wurde, heißt „UMA Mitfahren“. Die Fahrgemeinschafts-App startete 2015 als „Friendly User Test“ ausschließlich für Volkswagen- und Audi-Mitarbeiter. Derzeit hat sie 2.000 Nutzer. Die Teilnehmer liefern mit ihren Fahrtangeboten und -gesuchen die Daten für den intelligenten Algorithmus, der automatisch die passende Fahrgemeinschaft findet. Nach Abschluss des Testlaufs soll sie im Frühjahr für alle geöffnet werden. An dem Projekt sind die Wolfsburg AG und Volkswagen beteiligt.

Unterwegs mit Schwarmintelligenz – Foto: Ingo Bartels

Für die Nutzung der kostenlosen App muss man sich einmalig registrieren und kann dann entweder nach einer Fahrt suchen oder selbst eine anbieten. „UMA Mitfahren“ zeigt dann die passenden Vorschläge. Neben täglichen Routen, zum Beispiel wegen der Schichtarbeit im Werk, sind auch Ad-hoc-Fahrten möglich, zum Beispiel, wenn der Bus nicht kommt.

Ähnlich wie Google-Dienste

Die UMA-Navigation, die derzeit zum Download bereitsteht, zeigt nur eine kleine Auswahl an Funktionen. Ein erstes Feature zum Thema Parken zum Beispiel beinhaltet, dass ich über ein Ampelsystem die Parkplatzsituation vor Ort bewerten kann. So versorge ich die anderen Nutzer der „UMA Navigation“ mit wichtigen Echtzeitdaten.

In der Zukunft soll der Fahrer exakt berechnen können, wann er ans Ziel kommt und wo der nächste freie Parkplatz ist. „Wir haben ein Parkplatzsensor-Patent angemeldet“, erklärt Schrödel. Es könnte in ein bis zwei Jahren integriert sein und wird voraussichtlich zuerst in Wolfsburg getestet. Auch Bus- oder Bahnfahrten sollen sich künftig integrieren lassen, damit man ohne Hektik ans Ziel kommt. Und wenn bald mehr E-Autos auf den Straßen unterwegs sind, könnten Stromtankstellen in die App integriert werden.

Die App im Härtetest

Im Interview habe ich viel erfahren über die App. Ein paar Tage später fahre ich zum Stammtisch der Wirtschaftsjunioren Gifhorn-Wolfsburg, wo ich Fördermitglied bin. Ich soll um 17:30 Uhr in Ausbüttel sein und drücke wie immer im Kalender auf die Adresse. Google Maps öffnet sich und ich fahre los. Schnell merke ich, dass ich zu spät dran bin, denn die App zeigt als Ankunftszeit 17:37 Uhr an. Mir fällt ein, dass ich auch die UMA-Navigation installiert habe. Ich kopiere die Adresse, trage sie dort ein. Auf der Umgehungsstraße von Fallersleben nach Calberlah erscheint dann die Ankunftszeit laut UMA: 17:33 Uhr. Vier Minuten schneller bei 25 Minuten Fahrtzeit!

Das bestätigt die Aussagen von Gerrit Schrödel bezüglich der Schwarmintelligenz. Während der Fahrt über Calberlah, Isenbüttel bis nach Ausbüttel bleibt die Zeit auf 17:33 Uhr und ich komme wie angezeigt an. Die UMA-App habe ich mir jetzt erstmal auf meinem Handy nach vorne geschoben.

2 Kommentare

  1. Da gibt es doch einige Fragen: bei 5000 Downloads von Schwarm zu sprechen klingt sehr merkwürdig.

    Wo konzentriert sich dieser Schwarm?

    Und was kann diese Mini Schwarm besser als Google Maps oder Apple Karten? Bei diesen beiden Anbietern gibt es auch eine dynamische
    Verkehrsführung, auch während der Fahrt.

    1. Hier die Antworten von unserem Regionär Ingo Bartels:

      Auch der vermeintlich kleine Schwarm sorgt bereits dafür, dass die Nutzer der UMA Navigation meistens schneller ans Ziel kommen.
      Besonders hervorzuheben ist, dass vor allem die tägliche Nutzung sehr wichtig ist. Denn jeder einzelne Nutzer und jeder neue Nutzer trägt dazu bei, dass UMA noch besser funktioniert. UMA lernt von jedem der Nutzer und kann so den Schwarm ideal auf die Routen verteilen und somit die Verkehrseffizienz enorm steigern. Auch bei bereits bekannten Wegen macht es Sinn die UMA Navigation zu nutzen, denn der Algorithmus hat Informationen über verfügbare Strecken zum Ziel, die weit über das hinausgehen, was der Fahrer gewöhnlich weiß.

      Der Schwarm konzentriert sich derzeit auf den Großraum Braunschweig-Wolfsburg.

      Wir wollen andere Navigationslösungen von Wettbewerbern wie Google und Apple nicht schlechtreden. Auch diese sind heutzutage schon sehr gut und verarbeiten Echtzeitinformationen während des Routings. Im Gegensatz zu diesen „konventionellen Navigationssystemen“, setzt die UMA Navigation bei der Berechnung der Routen auf eine Engine, die für einen ausgeglichenen Verkehrsfluss sorgt. Das System antizipiert die Auslastung sämtlicher auf der Route von A nach B liegender Straßen, stimmt die Routenvorschläge darauf ab und verhindert, dass Staus überhaupt entstehen. Die Routing Engine weist jeder Straße, basierend auf ihrer Länge, der Anzahl an Fahrspuren und der Geschwindigkeitsbegrenzung eine bestimmte Kapazität zu. Fordert ein Autofahrer via Navi eine Route an, berechnet das System, wann das Auto die Straße voraussichtlich passieren wird und „reserviert“ sie für diesen Zeitraum. Ist die Kapazitätsgrenze der Straße erreicht, werden weitere Autos automatisch auf alternative Routen umgelenkt. Alle paar Sekunden gleicht das System erneut ab, ob die aktuelle Route noch die Schnellste ist. Im Schnitt kommt der Autofahrer bis zu 30% schneller ans Ziel als mit herkömmlichen Navigationsgeräten.

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