Braunschweig, Szene & Kultur

Über das Singen und andere Leidenschaften – Ein Gespräch mit Tenor Arthur Shen

Hat viel zu erzählen: Tenor Arthur Shen – Foto: Martina Zingler

Er geht in Riddagshausen joggen, spielt Volleyball und bezeichnet Wandern als seine große Leidenschaft: Arthur Shen, der seit zehn Jahren als Tenor am Staatstheater Braunschweig unter Vertrag steht, wirft alle Klischees, die ich bisher über Opernsänger im Hinterkopf hatte, über den Haufen. Nach einer herzlichen Begrüßung dreht sich unser Gespräch darum auch schnell um ein auffallendes Requisit, das er bei sich hat. „Ein Sportunfall“, gesteht Shen mit einem Blick auf die vermaledeite Krücke. Zu einer denkbar ungünstigen Zeit, denn zwei Produktionen, in denen er besetzt war, sind davon betroffen.

Die Individualität der Stimme

Im Moment sei er in der Erholungsphase, mache Reha, berichtet Shen. Wir sitzen in der Kantine, irgendwo tief im Innern des Staatstheaters. Der Raum ist menschenleer, die Einrichtung pragmatisch-kühl. Hin und wieder unterbricht eine Lautsprecherdurchsage zur bevorstehenden Probe unser Gespräch. Ein kurzer Moment zum Luftholen. Arthur Shen hat viel zu erzählen. Mitte oder spätestens Ende März hofft er, wieder fit zu sein und in die „Werther“-Produktion einsteigen zu können. Auch eine Tosca-Aufführung steht noch auf dem Plan. Doch dann endet sein Vertrag auch erst einmal.

Wird er Braunschweig verlassen? Nein, winkt Shen sofort ab. „Mein Leben ist hier, meine Freunde, mein Sportverein.“ Er wird wohl zunächst Gastspiele geben. „Das fand ich schon immer interessant, und gut für die Stimme ist es auch, weil man nicht so auf eine Rolle festgelegt ist.“ Shen sieht sich selbst als lyrischen oder Spinto Tenor, besetzt wurde er jedoch meistens dramatisch, als Heldentenor. „Ich klinge manchmal so, aber das ist nur die Stimmfarbe.“

Kann man denn die Stimme nicht trainieren, dass sie besser in ein bestimmtes Rollenfach passt? „Kann man“, gibt Shen zu. „Die Frage ist: sollte man? Personalität und Grundklang einer Stimme sollte man nicht ändern. Damit tut man dem Publikum keinen Gefallen. Eine Stimme muss eine Seele haben.“

Flexibel in der Besetzung

Die Zusammenarbeit von Künstler und Regisseuren scheint oft recht schwierig. Es gibt Regisseure, die mit ihren Sängern gemeinsam den Charakter einer Rolle erarbeiten, andere haben ein Konzept, das sie ohne Widerspruch durchsetzen. Wie sind seine Erfahrungen mit den Regisseuren in Braunschweig, möchte ich von Shen wissen. „Ich habe beides erlebt und kann mit beidem leben. Wenn die Zusammenarbeit von Respekt geprägt ist, dann spielt es für mich keine Rolle.“ So könne er sich auch gut auf ungewohnte Rollen einlassen.

Arthur Shen macht auf mich überhaupt einen sehr lockeren und entspannten Eindruck. Ich frage ihn, wie er zur Oper gekommen ist. Und wie es ihn nach Braunschweig verschlagen hat. Shen ist in Pennsylvania geboren und wächst in Walnut Creek im sonnigen Kalifornien auf. Seine Eltern sind aus China eingewandert. „Die Musik war von Anfang an da“, sagt Shen. Er singt im Knabenchor, spielt Geige und Klavier, aber auch Volleyball, Wasserball, geht zum Schwimmen.

Nebenbei sammelt er weitere Erfahrungen in der Musik. 1993 besteht er die Aufnahmeprüfung für das Tanglewood Institute der Boston University. „Eine große Ehre“, sagt Shen. Und erinnert sich, wie er dort erstmals das Gefühl für die Macht seiner Stimme bekam. „Bei meinem Solo ist das Publikum ausgerastet.“ Er empfindet Dankbarkeit angesichts seiner Gabe, die Menschen auf diese Weise zu bewegen.

Der Tenor mit seiner Partnerin Nadja Stefanoff in "Anna Karenina" – Foto: Staatstheater Braunschweig
Der Tenor mit seiner Partnerin Nadja Stefanoff in „Anna Karenina“ – Foto: Staatstheater Braunschweig

Die Kunst ruft

Die Musik ist zwar stets präsent, doch absolviert Shen auch eine „vernünftige“ Ausbildung, was vor allem seinen Eltern wichtig ist. Er studiert Ingenieurswesen und Informatik und arbeitet sogar zehn Jahre in der Systemprogrammierung. Bis zum Vizepräsident hat er es in einer Informatikfirma gebracht. „Doch dann wurde ich unruhig“, berichtet Shen. Er beschließt, wieder mehr zu singen, nur für sich selbst. Er nimmt Gesangsunterricht. Seine Lehrerin fördert ihn, schickt ihn für einen Sommer auf eine Tournee durch Italien. Wieder zurück in den USA steht er kurz darauf in New York auf der Bühne. Es ist nur eine Hobbyvorstellung, doch sein Vortrag trifft auf offene Ohren. Ein Vertreter des Braunschweiger Staatstheaters lädt ihn nach Deutschland ein. „Ich hatte gerade Zeit und genug Gratis-Meilen bei meiner Fluggesellschaft“, sagt Shen verschmitzt.

Also kommt er „zum Spaß“ zum Vorsingen nach Braunschweig, tritt gegen ein Dutzend erfahrene Tenöre an – und überzeugt. „Sie sagten zu mir: Wir fangen nächste Woche mit dem ‚Rigoletto’ an. Können Sie bleiben?“ Bleiben konnte er nicht, aber er regelte seine Angelegenheiten in den USA und kehrte zwei Monate später zurück nach Braunschweig. „Ich hatte das Gefühl, ich werde es mein Leben lang bereuen, wenn ich das jetzt nicht mache.“ In seinem zweiten Jahr in der Löwenstadt war es dann beschlossene Sache, in diesem Beruf zu bleiben.

Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm sein erster Arbeitstag in Braunschweig. Eigentlich sollte er sich nur eine Probe des „Rigoletto“ auf dem Burgplatz anschauen. Eine andere Besetzung für die Rolle des Herzogs war fest eingeplant. Doch der Tenor war aufgrund einer Verwechslung der Daten noch in Berlin. Also sprang Shen spontan ein und traf seine Partnerin, die Sopranistin Liana Aleksanyan, tatsächlich zum ersten Mal zu einem Kuss auf der Bühne. „In der Pause bin ich dann zu ihr gegangen und habe mich vorgestellt“, sagt Shen. Weitere Highlights mag er nur zögerlich nennen. „Ich habe oft das Gefühl, dass das Publikum ganz bei mir ist.“ Wie in seiner zweiten Produktion, der Oper „La Bohème“, als die Menschen am Ende lautstark ihre Begeisterung durch Fußgetrampel ausdrückten. Was für ein Moment! „Einer der schönsten Abende in meinem Leben“, erinnert sich Shen.

„Ich bin kein Pavarotti“

Auch nach zehn Jahren im Job legt Shen eine gewisse Demut an den Tag. Er kann sich zwar gut vorstellen, Konzerte und Liederabende zu machen, träumt davon, „Das Lied von der Erde“ und die 8. Symphonie von Mahler zu singen, bevorzugt aber letztendlich Ensemble-Stücke. „Ich sehe mich nicht in Großbuchstaben“, sagt er beispielsweise. Er wolle ein guter Sänger, ein guter Künstler sein, aber nicht alles drehe sich um ihn. Der Komponist, der sei wichtig. Und ohne die Unterstützung der Menschen in seinem Leben, seiner Eltern, seiner Schwester, seiner Verlobten und nicht zuletzt seiner Gesangslehrerin, wäre seine Karriere so nicht verlaufen, ist Shen überzeugt.

Dazu passt gut, dass er in seiner Freizeit gerne wandert, finde ich. „In den Bergen finde ich meine größte Ruhe.“ Wenn er einmal in Rente geht, will er dorthin, irgendwo in die Nähe der Alpen. Und die schöne Aussicht genießen. Doch bis dahin werden wir sicherlich noch einiges von ihm hören.

1 Kommentar

  1. Das Interview gefällt mir sehr gut. Alles was Herr Shen sagt, kann ich gut nachempfinden. Er hat nicht
    nur eine schöne Stimme – sondern eine Stimme mit Seele – und vor allem ist er auch ein guter Schauspieler. Deshalb hat er Recht wenn er sagt, das Publikum ist immer auf seiner Seite. Ich habe
    La Bohème miterlebt und gerade bei den entscheidenden Szenen nimmt man ihm die Gefühle ab.
    Das ist ganz bestimmt nicht bei jedem Sänger so, kann er auch noch so gut singen. Deshalb ist es mal wieder mehr als schade, dass der Vertrag nach 10 Jahren „ausläuft“ – was ja wohl heißt, dass er nicht verlängert wird. Außer mir wird es sicher noch viele Fans von ihm geben, die darüber mal wieder traurig sind wie über so viele andere Änderungen auch, die mit dieser neuen Intendantin
    einhergehen. Ich sage dazu nur noch, kein Theaterball, keine Silvesterfeier und keine Blauhausparty mehr.

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