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„Überlegen, wie man sich etwas überlegt“ – Ein Matheprofessor erklärt Algorithmen

Sebastian Stiller, Mathematikprofessor, Philosoph und Buchautor, lebt mit Frau und Kind in Braunschweig – Foto: Hans Scherhaufer

Ich erklimme den sechsten Stock des Hauptgebäudes der Technischen Universität (TU) Braunschweig und bin ziemlich außer Atmen oder positiv formuliert: körperlich wunderbar ausgelastet. Beste Voraussetzungen also, um nun mein Hirn zu strapazieren. Der TU-Mathematikprofessor, Philosoph und Buchautor Sebastian Stiller wird mir gleich Algorithmen erklären. Der Ort des Geschehens: ein nüchtern gehaltenes Büro. An der Wand lehnt ein Fahrrad mit Kindersitz.

Es geht gleich ans Eingemachte. „Algorithmisch zu denken, bedeutet zu überlegen, wie man sich etwas überlegt“, sagt Stiller. Wie man also mit einer einfachen Vorgehensweise ein komplexes Problem löst. Ein Beispiel ist die schriftliche Addition, die jeder in der Grundschule lernt. Selbst fünfstellige Zahlen lassen sich leicht addieren, wenn man nach dem gelernten Schema Schritt für Schritt vorgeht. Auch die Straßenverkehrsordnung sei ein Algorithmus, liefert sie doch für ganz unterschiedliche Menschen und Situationen einfache Handlungsregeln.

Mit Algorithmen die Zukunft managen

Der Mathematikprofessor ist überzeugt, dass die Globalisierung ohne Algorithmen nicht zu managen ist. „Ressourcen und Energie müssen verteilt und die Logistik für den weltweiten Handel gesteuert werden“, berichtet er. In der Forschung könne mithilfe von Algorithmen abgeschätzt werden, welche Experimente Erfolg versprechen. Das hilft zum Beispiel bei der Suche nach neuen Antibiotika oder Impfstoffen. „Ich selber arbeite unter anderem an Algorithmen, die das Autofahren sicherer und Raumfahrtmissionen verlässlicher und kostengünstiger machen können.“

Algorithmen sind vielen Menschen aber auch unheimlich. Stiller glaubt, dass daran auch irreführende Begriffe schuld sind, zum Beispiel, wenn vom „autonomen“ Auto die Rede ist. „‚Autonom‘ bedeutet ‚sich selbst Gesetze gebend‘“, sagt er. Da könne es schon passieren, dass einige Angst vor wild gewordenen Roboterautos bekommen, die komplett eigenständig entscheiden, was sie tun. „Das ist aber natürlich Unsinn, denn wir Menschen geben ja vor, nach welchen Prinzipien die Autos funktionieren. Und mit autonomen Autos wird das Fahren eben gerade nicht gefährlicher, sondern sicherer. Deshalb forschen wir ja daran.“

Noch irreführender findet er den Ausdruck „künstliche Intelligenz“. „Wissenschaftlich ist damit eine bestimmte Art von Algorithmen gemeint. Aber mit Intelligenz im menschlichen Sinn hat es nichts zu tun“, betont er. Menschliche Intelligenz setze ein Bewusstsein voraus, zum Beispiel einen Willen, die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen oder Reue zu zeigen. „Maschinen haben beziehungsweise können das alles nicht. Algorithmen sind nicht mehr oder weniger als ein leistungsfähiges Werkzeug. Sie erweitern die Möglichkeiten des Menschen, können diese aber nicht ersetzen.“

Wissen gegen Ängste

Sebastian Stiller ist überzeugt, dass das beste Mittel gegen die Angst Wissen ist. Und das sollte schon in der Schule vermittelt werden. „Man muss auch kein Mathegenie sein, um sie zu verstehen. Jeder Schüler einer 7. Klasse kann lernen, wie ein Suchmaschinen-Algorithmus funktioniert“, glaubt er. Zurzeit habe er allerdings das Gefühl, dass selbst die Entscheider in Wirtschaft und Politik auf diesem Gebiet „ziemlich ahnungslos“ sind.

Wissen würde außerdem helfen, Algorithmen besser einordnen zu können. Denn nicht alle taugen zur Lobhudelei. „Es gibt zum Beispiel eine App, die über Facebook-Likes herausfindet, ob ein Mensch depressiv ist. Sie hat zwar eine höhere Trefferquote als die Freunde dieses Menschen, aber nur, weil Freunde in der Depressionsdiagnose so schlecht sind“, berichtet er. Ein Psychologe oder Psychiater sei hier mit Sicherheit der bessere Ansprechpartner. „Solche Anwendungen halte ich für unverantwortlich. Man kann natürlich alles Mögliche miteinander korrelieren, auch Facebook-Likes mit Depressionen. Aber da fehlt einfach die valide Theorie dahinter.“

Stiller zufolge sollten Algorithmen deshalb immer auch kritisch hinterfragt werden: „Vor allem ist wichtig zu wissen, wie sie zu ihrer Entscheidung kommen. Und auch, wie sich ändernde Umstände auf das Ergebnis auswirken“, erklärt er. „Deshalb verfolgen wir an der TU auch den Ansatz der ‚Self-Awareness‘, zum Beispiel für das autonome Fahren. Das System soll erkennen können, ob seine Leistung gut genug ist für die aktuell gestellte Aufgabe. Oder ob das Auto besser augenblicklich sicher abgestellt werden sollte.“

„Algorithmen sind wie ein Gedicht“

Um sein Lieblingsthema auch Laien näherzubringen, hat Sebastian Stiller das Buch „Planet der Algorithmen“ geschrieben. Darin schreibt er unter anderem, dass gute Algorithmen wie ein Gedicht sind. Der Mann ist eben auch emotional mit seinem Forschungsthema verbunden. „Wir Wissenschaftler sind ja bei unserer Arbeit manchmal wie im Rausch“, erzählt er. „Und wenn es einem dann gelingt, einen Algorithmus mit einer gewissen Einfachheit und Klarheit zu entwickeln, der dann auch noch die gewünschte Wirkung hat, dann ist das schon ein großes Glücksgefühl.“

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