Peine, Szene & Kultur

Vom Heuboden zur Kleinkunstbühne – das teatr dach in Meerdorf

Das Ensemble von teatr dach hat ein vielfältiges Programm im Gepäck – Foto: Susanne Jasper

In manchem Dorf, da muss man jetzt mal ganz unverblümt sein, da möchtest du nicht tot überm Zaun hängen. Da gibt es nicht mal eine Bushaltestelle und der einzige Briefkasten kann ohne Übertreibung als Nabelschnur zur Zivilisation betrachtet werden. Aber kennt ihr das teatr dach in Meerdorf? Meerwas? Nie gehört? Na, dann wird’s Zeit!

Willkommen im teatr dach

Die Woltorfer Straße 16 in Meerdorf im Landkreis Peine ist quasi der Gegenentwurf zum matt siechenden Dorf. Hier residiert seit nunmehr 27 Jahren das „teatr dach“. Und direkt gegenüber dieser Kleinkunstbühne, im charmanten Fachwerkhaus, gibt’s sogar noch eine Kneipe! Nach der Vorstellung ein frisch Gezapftes vis à vis – fast ein Hauch von städtischem Nightlife …

Hat man die Eingangshalle mit Topfpflanze links und aufgereihtem Schuhwerk rechts und allerlei krimskramsigem Rumpelkastenzeug passiert, gehts über eine echt schmale und steile Treppe unters Dach. Und dann steht man irgendwie gleichzeitig an der Abendkasse, vor der Garderobenstange fürs Publikum, in der Künstlergarderobe (so eng wie eine komfortabel möblierte Besenkammer), der Theke und mit halbem Fuß auch schon im Zuschauerraum. Eng, also schon wirklich ziemlich eng, ist das Adjektiv zum Abend, ein Wort, das wie ein siamesischer Zwilling zum teatr dach gehört. So urstgemütlich. So familiär. So unprätentiös. So angenehm unangestrengt gegenüber dem manchmal so aufgeplusterten Großstadtkulturgestus. So handmade.

Es macht sich so ein wohlig-warmes Gefühl breit. Diese Eng-beieinander-Sein, dieses Dicht-dran-Sein an den Künstler macht wohl auch das Phänomen teatr dach aus. Den Erfolg der Quetschkomödie.

Albrecht Schultze und seine Frau Bärbel Anton spielen nicht nur Theater, sie leben auch unterm teatr dach – Foto: Susanne Jasper

Weg mit dem Heuboden, rein mit dem Theater

Biegt man oben auf dem letzten Treppenabsatz übrigens nicht links ab ins Theater, sondern geht gerade aus, landet man auf dem Sofa des Theaterinhabers. Albrecht, genannt Ali, Schultze (71). Nervt diese Enge manchmal auch? „Nö, nie“, sagt er. Das geht vielleicht auch so besonders prima, weil seine Frau Bärbel ebenso theaterversessen ist wie er. Spielt, organisiert, Mädchen für alles eben. Angeschlagen ist er an diesem Abend, grippaler Infekt. Aber natürlich wird er auftreten, „ich kann doch meine Truppe nicht hängen lassen“.

Vor 27 Jahren hat das Theaterabenteuer begonnen. Zusammen mit seinen Schülern der Theater AG baute der Gesamtschullehrer und Theaterpädagoge den Heuboden seines 100 Jahre alten Fachwerkhauses peu à peu zur Bühne aus. Mit allen Haken und Stolperfallen, die so ein Projekt, das man in Eigenregie stemmt, mit sich bringt.

Des Menschen Bedürfnis, das auch in den Pausen von Theateraufführungen bitteschön getrennt nach Männlein und Weiblein zu verrichten ist, und eine fehlende Feuertreppe versetzten dem zarten Kulturpflänzchen schon kurz nach seinem Aufkeimen den Dolchstoß. Fast. Schultze und 17 andere Theaterbegeisterte gründeten einen Verein zur Rettung und Förderung der Bühne, mobilisierten Freunde und Verwandte und so gelang es, dass der Vorhang doch nicht endgültig fiel: Theaterenthusiasten nicht nur aus Meedorf spendeten, sogar der ehemalige Ministerpräsident Gerhard Glogowski erstand für 200 DM eine Treppenstufe und ist noch heute mit Namensschild auf seiner Stufe verewigt. 220 Mitglieder hat der Verein. 1.100 Einwohner Meerdorf. Das nenn ich mal ne astreine Quote!

Vor der Vorstellung und während der Pausen auch hinter der Theke im Einsatz (von links): Ulrike Kammler, Anja Papendorf und Paul Luttmann – Foto: Susanne Jasper

Wir halten zusammen!

Holpriger Anfang also. Aber danach lief es, wenngleich in so einer Wunderkammer natürlich immer jede Menge zu werkeln ist. Aber mit Beharrlichkeit und Beständigkeit scheint das zu gelingen. Zwei Schüler Schultzes von damals gehören immer noch zum Hausensemble, das wie ein gut geöltes Räderwerk funktioniert. Jeder packt mit an, keiner verpieselt sich.

Überdruss kennen sie in der Truppe nicht, „wir stehen halt alle gern auf der Bühne“, sagt Anja Papendorf, Alis Schülerin von einst, heute selbst Grundschullehrerin. Sie schätzen auch die Nähe zum Publikum, wenngleich es manche mit der laut prustenden Kommentierung während des Stücks gelegentlich auch übertreiben. Gespielt wird grundsätzlich ohne Souffleuse, einen Theatergraben gibt’s schon aus Platzgründen nicht. Sonst müsste die erste Stuhlreihe der insgesamt 60 Plätze verschwinden. Lieber nicht.

Hochzeit à la Griechisch

Manche großen Namen hatten sie schon auf dem Heuboden. Magdeburger Zwickmühle, Dieter Hildebrandt. Wenn die auf Tour durch die Republik sind und dann zumeist am Wochenende spielen, nehmen manche einen Zwischenstopp mittwochs in Meerdorf gern als Zubrot mit. Aber vielleicht ist es auch die einmalige Atmosphäre, die alle preisen, die eine echte Herausforderung ist. Auch für Profis. Und ein renommierter Name lockt ja bekanntlich gern mal den nächsten bekannten Künstler an. Von den vier Eigenproduktionen ist „Hochzeit à la Griechisch“ der Langzeitklassiker der teatr-dachler.

Der Zuschauerraum ist dann eingedeckt mit typisch südländischen Plastikhäkeltischtüchern auf langen Tafeln. Nach der Vorstellung wird gespeist, als sei es eine richtige Hochzeit, es gibt Ouzo und manchmal versackt auch der ein oder andere Gast. Wie bei einer richtigen Hochzeitssause eben. In der Pause fallen die Künstler sekundenschnell aus ihren Rollen und übernehmen die Theke. „Deshalb spielen wir auch nur Komödie“, sagt Schultze. Macht Sinn: Wenn ein eben im Drama gemeuchelter in der Pause den Rezina ausschenkt, verkraftet das die gute alte Illusionsmaschinerie Theater nicht so gut.

The show must go on

Apropos Griechenland: Das Ensemble liebt Griechenland. Manchen ist es zur zweiten Heimat geworden. Außer Gerd Korte, der kann die Hitze nicht ab. Wenngleich er in seiner kleinen, allenfalls zwei-schlanke-Männer-breiten Techniknische Kummer mit Wärme gewöhnt sein dürfte. Im Amphitheater von Longá auf dem Peloponnes haben sie schon gastiert. „Bei abgekühlten 30 Grad um 22 Uhr“, ächzt Gerd noch heute.

Lars Möller, der ebenfalls im Fachwerkhaus unter dem Theaterdach wohnt, ist auch hart im Nehmen: Als er auf einer ihrer früheren, mittlerweile abgeschafften Tourneetouren durch die Region von der Bühne stürzte, spielte er weiter. Diagnose: Kreuzband- und Meniskusriss. Eine Woche später ging’s mit Krücken weiter. Befund: eindeutiger Anwärter für die Tapferkeitsmedaille. Kommt vielleicht noch.

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