Arbeiten & Unternehmen, Wolfenbüttel

Wo es zischt und züngelt – Europas einzige Schlangenfarm ist in Schladen

Jürgen Hergert gewinnt das Gift der Kupferkopf-Viper für medizinische Zwecke – Foto: Inga Stang

Jürgen Hergert ist Weltrekordhalter im Schlangen-Sit-in, Weltenbummler sowie Gründer und Inhaber von Europas einziger Schlangenfarm. Vor 36 Jahren gründete er die Farm in Schaden, mitten im beschaulichen Harzer Vorland. „Jede Rohrleitung, jedes Ventil kenne ich persönlich“, erinnert er sich. Damals, Anfang der 1980er, war die Eröffnung der Farm eine Riesensensation. „Die Menschen kamen von überall her  und standen in Zweierreihen an, um die erste Schlangenfarm Europas zu besuchen.“

Mir war die Schlangenfarm bisher unbekannt, womit ich jedoch eher allein in meinem Bekanntenkreis bin. Dafür werde ich direkt von Jürgen Hergerts bestimmter Art mitgerissen. In seinem Büro erzählt er mir von seinen Erlebnissen mit den Tieren und seinem Leben. 1982 und 1983 machte er weltweit Schlagzeilen als Weltrekordhalter im Schlangen-Sit-in. Ganze 100 Tage ließ er sich mit 24 Giftschlangen einsperren, ohne angegriffen zu werden. Außerdem war er als Talkgast schon drei Mal bei „Wetten, dass“ und Kai Pflaume auf der Couch.

Willkommen zurück in der Heimat. Die Schladener grüßen den Weltrekordler – Foto: Inga Stang

Aus Schladen nach Afrika und wieder zurück

„Bereits als Kind war ich von Reptilien und Tieren fasziniert“, erzählt mir Hergert. „Mit drei Jahren zog ich mit meiner Mutter nach Namibia auf eine Tierfarm, die bis heute von meinem Bruder bewohnt wird. Dort gab es Löwen, Affen, Zebras und viele weitere exotische Tiere, die von den Touristen bestaunt werden konnten.“

Beruflich zog es Hergert jedoch zuerst in eine ganz andere Richtung. Er war als Leichtathlet im deutschen Olympiakader vertreten und bereiste die Welt als Maschinenbauingenieur und Montage­leiter für Industrieanlagen. Auf diesem Wege kam er das erste Mal mit einer Schlangenfarm in Berührung und war sofort begeistert von dem Konzept. „Ich durfte auf der Schlangenfarm in der Nähe von Johannesburg mithelfen und wurde vom Betreiber hoch geschätzt. Ich glaube, er wollte mich damals mit seiner Tochter verheiraten“, lacht Hergert.

Exotisches Prachtexemplar – Foto: Inga Stang

Sein Heimatort blieb jedoch immer Schladen – das Dorf, in das es auch seine Mutter wieder zog, als sie aufgrund einer Krankheit Afrika mit ihrem Sohn Jürgen verließ.

Schlangen hautnah erleben

Fasziniert von der Idee, eine eigene Schlangenfarm aufzubauen, kontaktierte Hergert damals verschiedene Pharmakonzerne. Er wollte herausfinden, wie hoch das Interesse an Schlangengift für die Herstellung von Medikamenten ist. „Mir wurde damals geraten, die Farm hier, mitten in Deutschland zu eröffnen. So können die deutschen Pharmakonzerne den umständlichen Importprozess umgehen und müssen keine horrenden Einfuhrzölle zahlen.“

Die Grundidee der Farm ist es jedoch, den Menschen die Tiere nahezubringen und Vorurteile abzubauen. „Viele Leute sagen, sie hätten sich Schlangen ganz anders vorgestellt: schmierig und glitschig. Sie sind froh, hier eine Schlange anfassen und so ihre Vorurteile abbauen zu können“, erzählt Hergert.

Ich selbst hatte zuvor fast gar keinen Bezug zu Schlangen. Ein paar Freunde von mir besitzen zwar Reptilien als Haustiere, aber bisher hielt sich mein Interesse für die Tiere in Grenzen. Beim Blick durch die Fenster der Terrarien kann ich hingegen gar nicht aufhören, „Oh, mein Gott, ist die schön“ zu sagen. Die Schlangen sind wirklich faszinierend – anmutig und grazil. Kein Grund, sich zu ekeln. Ich bin aber trotzdem froh, die teilweise hochgiftigen Tiere durch sicheres Glas betrachten zu können.

Besucher aus aller Welt

Insgesamt leben 1.000 Tiere auf der Schlangenfarm, davon 58 verschiedene Schlangenarten. Außerdem Echsen, Spinnen, Schildkröten, ein Krokodil, Frösche, Skorpione und vieles mehr. Rund 25.000 bis 30.000 Besucher aus aller Welt kommen jährlich nach Schladen, um die Farm zu besichtigen.

Doch so hoch wie in den 1980ern ist der Ansturm auf die Schlangenfarm nicht mehr. „Heutzutage kommen die Leute nicht mehr extra aus München hergefahren, nur um die Schlangenfarm zu sehen. Um überregional Personen zu erreichen, sind wir daher auch auf Harztouristen angewiesen. Regional sind wir hingegen gut aufgestellt.“

Seit einiger Zeit finden auf dem anliegenden Restaurantgelände auch immer öfter Veranstaltungen mit Stars wie Jürgen Drews oder Maite Kelly statt, die zusätzlich für Trubel sorgen. Den Schlangen ist das jedoch ziemlich egal. Die sind glücklich über ausreichend Futter, Pflege und ein angenehmes Klima – und das ist in der Schlangenfarm garantiert.

Ich werde mir trotz des Besuches wohl keine eigene Schlange anschaffen – bei mir überleben ja nicht mal Zimmerpflanzen. Aber dafür bin ich den Tieren jetzt ein Stückchen nähergekommen.

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